Muhammad Yunus verbannt Armut ins Museum
publiziert: Donnerstag, 10. Mai 2007 / 13:10 Uhr

Rüschlikon/Zürich - Das Ende der Armut – nichts weniger verkündete Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus am Dienstagabend im Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Rüschlikon/Zürich. Am Beispiel seiner erfolgreichen Grameen Bank zeigte der charismatische Ökonom aus Bangladesch vor hochkarätigem Publikum, wie einfach es ist, diese Welt zu verbessern.

Keiner wollte ihm glauben. Und dennoch gelang es Muhammad Yunus, eine Bank für Mittellose aufzubauen.
Keiner wollte ihm glauben. Und dennoch gelang es Muhammad Yunus, eine Bank für Mittellose aufzubauen.
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Keiner wollte ihm glauben. Und dennoch gelang es Muhammad Yunus, eine Bank für Mittellose aufzubauen.

Nicht irgendwo, sondern in Bangladesch – einem Land, das der Durchschnittseuropäer nur aus Katastrophenmeldungen kennt: Armut, Hunger, Überschwemmungen. Wie Yunus das schaffte, erzählte er am 8. Mai bei einem exklusiven Kurzbesuch in der Schweiz aus seiner ganz persönlichen Perspektive.

Rund dreihundert Spitzenvertreter von Wirtschaft und Finanz hörten ihm an der ausverkauften «Pionneer»-Veranstaltung des Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) zu – noch einmal so viele mussten aus Platzgründen abgewiesen werden. Das Originalreferat ist in voller Länge als Webcast zu sehen, siehe Link auf der rechten Seite.

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Zurück in die Heimat

Als Bangladesch 1971 zum unabhängigen Staat wurde, gab Yunus seine Professur in Amerika auf und kehrte in seine Heimat zurück, um fortan hier Wirtschaft zu lehren. Bald schon merkte er, dass zwischen der künstlichen akademischen Welt und den Dörfern rund um die Universität eine grosse Diskrepanz bestand: Hier wurde über Milliarden geredet, während es dort an Pennies fehlte. «Ich kannte die Vogelperspektive, nun entdeckte ich die Sicht des Wurms.»

Sein Schlüsselerlebnis hatte Yunus, als er mit nur 27 Dollar 42 Bedürftige aus der Abhängigkeit von wuchernden Geldverleihern erlösen konnte – mit Mikro-Krediten auf Vertrauensbasis. Das könnten die Banken doch auch tun, dachte sich Yunus, und klapperte eine nach der anderen ab. Doch Unterstützung fand er erst, als er mit seinem eigenen Vermögen bürgte. Denn obschon die Kleinstkredite pünktlich zurückbezahlt wurden, galten die Armen als nicht vertrauenswürdig.

Bank für Arme

So beschloss Yunus, eine Bank zu gründen, die das genaue Gegenteil der konventionellen Institute war: für Arme, für Frauen und ohne Garantien. «Normale Banken machen Reiche reicher – bei uns hingegen bekommen die Ärmsten die grösste Aufmerksamkeit.»

Und das Modell funktioniert. Seit der Finanzminister von Bangladesch Muhammad Yunus 1983 eine Banklizenz erteilte, sind über sechs Milliarden Dollar an über sieben Millionen Kunden – und vor allem Kundinnen – ausgeliehen worden. Die Rückzahlquote liegt über 98 Prozent, der Frauenanteil bei 95 Prozent, weltweit hat die Grameen Bank inzwischen mehr als tausend Filialen, und die Idee der Mikrokredite wurde zigfach übernommen – ein Erfolg, der Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis eintrug. «Jetzt sehen auch die Armen, dass sie etwas tun können», freut sich Yunus.

Armut wird nicht von Armen geschaffen

Das ist auch seine wichtigste Botschaft: Armut wird nicht von Armen geschaffen. Schuld ist vielmehr die Welt mit ihren Institutionen und Konzepten, wie wir sie aufgebaut haben. Denn jeder Mensch, ob arm oder reich, besitze ein unerschöpfliches Potential und Kreativität.

Muhammad Yunus’ Alternative bedeutet weit mehr als nur ein anderes Bankensystem. Von hunderttausend Bettlern hat er bis heute dank einem Startkapital von durchschnittlich lächerlichen 15 Dollar zehntausend zur Selbstständigkeit verholfen, weitere werden folgen. Kinder aus den ärmsten Familien werden plötzlich Klassenbeste und erlangen Hochschulabschlüsse – weil Grameen sie mit Stipendien und Darlehen unterstützt.

Soziales Unternehmen, ohne Gewinne – aber auch ohne Verluste

Alles weltfremde Utopie? Nun, zumindest Danone-CEO Frank Riboud sieht das anders. Gemeinsam mit Muhammad Yunus gründete er in Bangladesch eine Filiale. Die Firma funktioniert als «soziales Unternehmen», ohne Gewinne – aber auch ohne Verluste. Grameen Danone hilft den Hunger in Bangladesch zu bekämpfen und könnte bald schon zum Vorbild für ein neues Wirtschaftsmodell werden. Yunus: «Profitmaximierung ist in Ordnung. Aber der Mensch ist nicht so eindimensional.»

Und so träumt Yunus von einer Wirtschaft, wo Hilfe nicht nur auf Philanthropie beruht: nämlich ein System, in dem investiertes Kapital immer wieder zurückkommt und neu eingesetzt werden kann. Immer wieder. «Bis wir Museen bauen müssen, um Armut zu zeigen.»

(li/pd)

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